Frank-Markus Barwasser: „55 Meter über Grund“


von Frank-Markus Barwasser

In unserem 2007 produzierten Kinofilm VORNE IST VERDAMMT WEIT WEG (R: Thomas Heinemann) dient Erwin Pelzig vorübergehend als Chauffeur des depressiven Industrie-Kapitäns Eduard Bieger, gespielt von Philipp Sonntag. Die Geschichte sah nun vor, dass sich dieser auf das Geländer einer hohen Brücke setzt und traurig in die Tiefe blickt. Pelzig sollte dann zu Bieger auf die Brüstung klettern, um ihn aufzumuntern.

Die Szene hatte es in sich. Gedreht wurde sie auf der Talbrücke „Reichenberger Grund“ nahe Würzburg. Schon beim Schreiben des Drehbuchs hatten wir an diese Brücke gedacht, weil sie eine prächtige Aussicht bietet. Ich wusste auch, dass sie ziemlich hoch ist. Sie war dann aber doch höher, als ich dachte, nämlich 55 Meter über Grund. 55 Meter sind in der Länge wenig, aber in der Höhe sind sie das blanke Grauen.

Natürlich wurden wir unter unserer Kleidung gründlich vergurtet, dann vorsichtig auf das Geländer gehoben und festgezurrt. Philipp Sonntag, der bekennend an Höhenangst leidet, sollte nun den Abgrund vor Augen voller Wehmut auf sein Leben zurückblicken. Im Angesicht der beeindruckenden 55 Meter, die unter ihm lagen, hat der bedauernswerte Kollege die Depressivität seiner Figur sehr glaubhaft darstellen können.

Meine eigenen Höhenängste halten sich zwar in Grenzen, dennoch war auch ich ziemlich angespannt. Noch heute ärgere ich mich, die Füße nicht frei baumeln gelassen zu haben, so wie Philipp Sonntag neben mir. Obwohl wegen der Vergurtung ein Absturz unmöglich gewesen wäre, steckte ich sie von mir selbst unbemerkt hinter eine am Geländer weiter unten angebrachten Metallstrebe. Das war vermutlich der pure Überlebensinstinkt und geschah ohne Absicht, ist aber passiert – das werde ich mir nie verzeihen!

Der wahre Held war ohnehin der Stuntman, der mich beim Erklimmen des Geländers zu doubeln hatte. Er stieg ungesichert auf das Geländer, während ihn die Kamera von oben aufnahm, sein Gesicht vom Zuschauer abgewandt. Das war kein akrobatischer Akt und in einem Meter Höhe würde das jeder hinbekommen. Aber gefühlte hundert Kilometer über Grund war dieser Moment für das gesamte Team eben doch sehr heikel. Es dürfte der stillste Augenblick am Set während der 30 Drehtage gewesen sein.

So ist diese Szene eine der besonders schönen Momente in unserem Film geworden, an der ich nicht nur wegen ihrer Geschichte hänge.

Die Talbrücke Reichenberger Grund wurde bald nach unserem Dreh gesichert. Inzwischen verhindert ein meterhoher Zaun, daß jemand auf das Geländer steigt. Bis dahin galt das Bauwerk nämlich als Selbstmörderbrücke. Zwölf lebensmüde Menschen hatten sich bis dahin von dort in die Tiefe gestürzt.

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