„Jagd auf Gary Cooper“


von Jürgen Heyse

Es war etwa 1950. Ich besuchte damals in Frankfurt die Quinta eines Humanistischen Gymnasiums und war schon damals leidenschaftlicher Kinogänger. Zu dieser Zeit kamen die ersten Wildwestfilme in die deutschen Lichtspielhäuser. Wann und mit welchem Film meine Begeisterung für den Westernheld Gary Cooper begann, kann ich nicht mehr sagen.

1952, ich war damals dreizehn, schien sich die Chance zu ergeben, den amerikanischen Topstar persönlich kennen zu lernen. Im Frühjahr fanden die Berliner Filmfestspiele statt, zu denen, wie auch heute noch, internationale Schauspieler anreisten. In einer Frankfurter Tageszeitung las ich die Notiz, dass Gary Cooper auf dem Weg nach Berlin in Frankfurt auf dem Flughafen einen Zwischenstop einlegen würde. Damals war es durchaus üblich, die Ankunft berühmter Filmstars auf dem Flughafen in den Tageszeitungen anzukündigen. Ich hatte jetzt, so schien es mir, die einmalige Gelegenheit meinen Lieblingsschauspieler persönlich kennen zu lernen. Also kaufte ich mir eine Autogrammkarte und machte mich nach Schulschluss auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Ich stellte mir vor, ich würde Gary Cooper ansprechen, ihm meine Bewunderung ausdrücken und um ein Autogramm bitten. Daraus wurde leider nichts!

Als ich in die Empfangshalle des Flughafens kam – der Flughafen war damals selbstverständlich noch „eine Nummer kleiner“ als heute – war diese schwarz vor Menschen, Pressevertretern und einer Vielzahl von Fans. Cooper erschien tatsächlich mit Ehefrau Rocky und Tochter Maria unter dem Blitzlicht der Fotografen, ging dann aber für mich im Gedränge der Erwachsenen völlig unter, an eine „Annäherung“ war nicht zu denken. Ich fuhr enttäuscht nach Hause, kannte aber immerhin sagen, dass ich mein Bestes gegeben hatte, um an den Star heran zu kommen.

Im Frühjahr 1953 kam ich am „Turmpalast“ vorbei, einem Premierenkino am Eschenheimer Tor, welches heute leider nicht mehr existiert. In Frankfurt fanden zu dieser Zeit häufig Filmpremieren in Anwesenheit prominenter amerikanischer Filmschauspieler statt. An jenem Tag erspähte ich im Foyer des Kinos eine Anzeigentafel mit der Vorankündigung für den Film VERA CRUZ (US 1954, R: Robert Aldrich). Gleichzeitig war dort zu lesen, dass Gary Cooper in der Abendvorstellung am 13.05. persönlich anwesend sein würde. Ich konnte es kaum fassen, diesmal musste ich mit meiner Autogrammbitte Erfolg haben.

Ich beschloss schon geraume Zeit vor Beginn der Abendvorstellung zum Hotel „Frankfurter Hof“ in der Innenstadt zu gehen, wo seiner Zeit alle berühmten Filmschauspieler abstiegen. Ich begab mich, mehr oder minder vor Angst zitternd, in das mir gänzlich fremde Nobelhotel und schlich mich zum einzigen Aufzug des Hotels, wo bereits eine stattliche Anzahl von Hotelgästen ganz offensichtlich auf den Filmstar wartete. Es dauerte nicht lange, da öffnete sich der Aufzug und Gary Cooper trat heraus. Es war ein eigenartiges Gefühl, den bewunderten Filmschauspieler „in natura“ – aus unmittelbarer Nähe zu sehen. Eine ältere Dame stürzte sich auf ihn, bat um ein Autogramm. Dann ergab sich ein riesiges Gedränge, der Schauspieler wurde zum Hotelausgang in der Nebenstraße „geschoben“ und verschwand im Auto. Es war also auch diesmal kein Erfolg! Ich eilte zurück zum Premierenkino, vor und nach Beginn der Vorstellung war in dem dort herrschenden Gewühl kein Gary Cooper zu sehen. Ich wollte noch nicht aufgeben, obwohl es sicherlich bereits nach 22 Uhr war. Irgendwie hatte ich erfahren, dass Cooper im „Börsenkeller“, dem damals besten Speiselokal Frankfurts, zu Abend essen würde. An ein Hineinkommen in diese Nobelgaststädte, bewacht durch einen Pförtner in Livrée war für mich, als damaligen Schüler, nicht zu denken.

Ich ging zurück zum Kaiserplatz und wartete vor dem dortigen Hintereingang. Es war bereits stockfinster und gegen Mitternacht, als Gary Cooper tatsächlich erschien. Ich sprach ihn an, bat um ein Autogramm, worauf er durchaus freundlich meinte, ich solle am nächsten Vormittag wiederkommen. Ich hatte keine Gelegenheit zu erklären, dass ich am nächsten Tag ja in die Schule müsse, da war Gary Cooper schon im Hotel verschwunden. Ich ließ mich für die letzte Schulstunde entschuldigen und eitle zum Frankfurter Hof, traf dort einen freundlichen Pförtner, der mir voller Mitgefühl erklärte, Gary Cooper sei etwas vor einer halben Stunde zum Flughafen abgefahren. Meine Enttäuschung brauche ich nicht zu beschreiben.

Einige Monate später, es war wohl Ende 1956 oder 57, da erfuhr ich, dass Gary Cooper wieder einmal in Europa war. Er drehte in Paris den Film ARIANE (Ariane – Liebe am Nachmittag, US 1957, R: Billy Wilder). Ich hatte mir die Anschrift des Filmstudios in Paris besorgt und schrieb Gary Cooper in meinem Schülerenglisch die „Leidensgeschichte“. Diesmal hatte ich Erfolg: Bereits nach wenigen Tagen erhielt ich mit der Post ein großes Schwarz-Weiß-Foto des Schauspielers mit persönlicher Widmung. Gary Cooper war damals 56 Jahre alt. Ich hegte noch immer im Stillen die Hoffnung, den Schauspieler einmal persönlich kennen zu lernen. Am 14. Mai 1961 hörte ich um die Mittagszeit die Nachricht, Gary Cooper sei im Alter von 60 Jahren in Hollywood gestorben.

 

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