Wolfgang Niedecken: „Vom Musketier zum Beatle“


von Wolfgang Niedecken

War ich in Köln, ging ich gerne in eines der drei Kinos in der Südstadt. Es gab das „Roxy“ am Chlodwigplatz, dessen Leuchtreklame nach der Schließung billig zu haben und so ein Jahrzehnt später für die Namensgebung einer der angesagtesten Szenenkneipe im Belgischen Viertel verantwortlich war. Dann gab es das „Metropol“ in der Annostraße, in dem Mitte der Siebziger „Rockpalast“-Sendungen aufgezeichnet wurden, was zur Folge hatte, dass auch Rory Gallagher zumindest einmal den Achthundertmeterradius rund um mein Elternhaus betreten hatte. Und dann war da noch das „Rhenania“ in der Severinstraße, in dem ich, zu Karneval als Musketier verkleidet, den ersten Beatles-Film sah. […] Gegen die gemütliche Harmlosigkeit der sonst gezeigten Streifen wirkte der Beatles-Film, dem der deutsche Verleih den dämlichen Titel „Yeah! Yeah! Yeah!“ verpasst hatte, wie ein Schock. Ein schwarz-weißes Dokument aus dem Swingin´ London, Einblicke in ein Leben, um das unsere Träume kreisten, das wir uns aber nie richtig hatten vorstellen können. Jetzt saßen wir mit offenem Mund vor der Leinwand, erschlagen von dem ungeheuren Tempo des Films, der Schlagfertigkeit, mit der die Beatles alle Herausforderungen auf die leichte Schulter nahmen, und der Lebendigkeit dieser Musik, die in nie gehörter Lautstärke den Saal erfüllte. Je länger der Film dauerte, desto unbehaglicher fühlte ich mich in meinem Kostüm. Was hatte d‘Artagnan mit kreischenden Fans, übermütigen Verfolgungsjagden, in Eisenbahnwaggons zum Besten gegebenen Songs, eleganten Hotelzimmern, albernem Herumtollen auf freiem Feld, Ringos einsamen Nachmittag und Pauls verrücktem Großvater zu tun? Ich saß in einer Verkleidung von gestern in einem Film von heute. Ich schämte mich, von den Mädchen im Kinosaal in diesem Aufzug gesehen zu werden. Sie hatten sich so zurechtgemacht wie die Frauen im Film, die wiederum allesamt Brigitte Bardot nacheiferten, dem großen Schönheitsideal dieser Tage. Sie kannten die Antwort auf die Frage „What do we need to make the country grow?“ bereits, mir wurde sie erst jetzt schlagartig klar: „Brigitte Bardot, Anita Ekberg, Sophia Loren.“ Noch während des Abspanns wickelte ich meinen Hut und meine Musketier-Utensilien in den Umgang, den mir meine Mutter genäht hatte, dann rannte ich nach Hause, holte aus dem Schrank meinen Kommunionsanzug, der mir viel zu klein geworden war, zwängte mich hinein, kämmte mir meine Haare in die Stirn und ging wieder nach draußen. Keiner erkannte mein Kostüm, doch das war mir egal. Ich fühlte mich trotzdem als Beatle.

Auszug aus Wolfgang Niedeckens Autobiografie „Für‘ne Moment“ (Seite 129f.)

Wolfgang Niedecken als Bassist seiner ersten Schülerband

Wolfgang Niedecken
als Bassist seiner ersten Schülerband

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