Klaus Hoffmann: „Als wir wieder ans Tageslicht taumelten“


von Klaus Hoffmann

Jeden Samstag räumte Mutter die Schränke aus und packte die Reste von Vaters Sachen in Kisten. Die Anzüge hatte sie schon längst in den Osten verschickt, seine Hüte, die Hemden. Jetzt war nur noch Kleinkram übrig, aber auch der verschwand. Mutter war sehr konsequent und erledigte alles mit einer maßlosen Energie, nichts stand ihr im Weg. Sie versuchte auf diese Weise, die Vergangenheit aus unserem Leben zu verbannen. Es schien ihr auch zu gelingen, mein Vater verschwand mehr und mehr aus ihren Bemerkungen. Nur sein Fahrrad war noch da, und die Filme im Astor gehörten mir weiterhin.

Einmal konnte ich Mutter zu einem gemeinsamen Kinobesuch bewegen. Wir sahen uns den amerikanischen Film HOW THE WEST WAS WON (Das war der Wilde Westen, US 1962, R: John Ford) an. Er hinterließ bei mir einen starken Eindruck, vor allem der Titelsong, ein altes irisches Volkslied, ist mir in Erinnerung geblieben: „Greensleeves“. Der deutsche Text war grauenhaft, aber die Musik war so wunderschön elegisch und traurig, dass es zu einem der Lieder wurde, die mir Lebensmittel sind.

Mutter und ich saßen in einer der hinteren Reihen in dem mager besuchten Kino. Mutter trug einen schwarzen, knielanger Rock, dazu den obligatorischen schwarzen Trenchcoat und ein schwarzes Kopftuch. Sie sah aus wie eine italienische Witwe. Ich hatte knielange, blaue Hosen und einen Blazer an, den ich sehr mochte. Die schwarze Armbinde, die man bei Trauerfällen zu dieser Zeit am Oberarm trug, hatte ich von Anfang an abgelehnt.

Wir saßen müde und traurig nebeneinander, während auf der Leinwand Menschen mit ihren Familien wilde Floßfahrten und andere gefährliche Abenteuer überlebten, indem sie sich gegenseitig anfeuerten, Mut machten und vor jeder neuen Klippe an den Händen hielten. Ich hasste diesen monströsen Film, denn er war der Spiegel unseres sorgenvollen Lebens. Mutter muss es ebenso empfunden haben. Als wir wieder ans Tageslicht taumelten, fühlten wir uns wie zwei Heimkinder, die endlich nach Hause dürfen.

Mutter und ich sprachen nie über unsere Befindlichkeiten, über Trauer oder andere Dunkelheiten. Berlin war in den Nachkriegsjahren ohnehin dunkel genug. Sie konnte nicht über sich sprechen, es war ihr nicht gegeben, und ich verstand sie auch so, deutete jede Geste, konnte mich grenzenlos in ihre inneren Vorgänge einfühlen, auch wenn ich nie konkret wusste, was sie bewegte.

Als wir aus dem Kino kamen, als die Restsonne glitzernd und warm auf dem  Bordstein schimmerte und mir der unvergessliche Geruch von Teer und Rost in die Nase stieg, da war mein innerer Vertrag besiegelt und unterschrieben:  „Ich bau uns ein Haus auf der Wiese“.

Auszug aus Klaus Hoffmanns Autobiographie „Als wenn es gar nichts wär“.

Zum Foto: Das Baldur-Kino in der Behaimstraße, Berlin-Charlottenburg. Eines der zwei Bezirkskinos, die ich regelmäßig besuchte. Die Zeit mich in den Filmen zu verlieren, in den Geschichten um Leben, Liebe, Tod. Das war die Realität, das war die Wirklichkeit. Nach zwei Stunden, verließen wir dieses Paradies und widmeten uns dem sogenannten Leben.

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