Katja Eichinger: „Heimlicher Filmgenuss im Kuhstallwohnzimmer“


von Katja Eichinger

Meine Mutter stammt von einem Bauernhof in Hessen. Als ich klein war, fuhren wir oft dorthin. In diesem Bauernhof gab es zwei Wohnzimmer. Das eine war das feine Wohnzimmer, in dem es stets nach Putzmittel roch und sich außer an Familienfeiern wie Geburtstage oder Beerdigungen nie jemand aufhielt. Das wahre Leben fand allerdings im Kuhstallwohnzimmer statt. Kuhstall- deswegen, weil man sich darin in Stallkleidung aufhalten durfte. Hier standen der Fernseher und der Tisch, an dem Schach gespielt wurde, sowie die Liege, auf der mein Onkel Mittagsschlaf hielt. Und alles war durchdrungen vom Geruch von Stroh und Kuhscheiße. Ein hoch gemütlicher Raum.

Eines Tages, ich muss etwa elf Jahre alt gewesen sein, saß ich im Kuhstallwohnzimmer und machte meine Hausaufgaben. Mein Onkel lag auf der Liege und hielt Mittagsschlaf. Er schnarchte sehr laut. Gleichzeitig lief der Fernseher. Volker Schlöndorffs „Die Bleichtrommel“ wurde gezeigt. Ich war absolut fasziniert, vor allem weil der Erzähler ein Kind war wie ich. Spätestens bei der ersten Sexszene wurde mir allerdings klar, dass wenn mein Onkel aufwachen und bemerken würde, was ich mir da ansah, er den Fernseher sofort ausschalten würde. „Die Blechtrommel“ entsprach garantiert nicht seiner Vorstellung von Kinderfernsehen, soviel konnte ich mir denken. Und so betete ich denn, dass sein Schnarchen nicht aufhören würde und bangte bei jedem seiner lärmenden Atemzüge, dass auch sofort der nächste kommen würde. Es war mein erstes großes Kinoerlebnis. Noch heute verbinde ich diese verbotene visuelle Lust mit dem Geruch von Kuhscheiße.

Mein erster Kinobesuch war übrigens ein großer Reinfall. Ich kann höchstens vier Jahre alt gewesen sein und das Kino befand sich in Wolfhagen, einer hessisches Kleinstadt, mitten zwischen Fachwerkhäusern. Meine Mutter wollte meiner Freundin Sibille und mir eine Freude machen. Es wurde der Räuber Hotzenplotz gezeigt und davor ein Zusammenschnitt von Szenen aus dem Ballett „Schwanensee.“ Beim sterbenden Schwan begannen Sibille und ich zu weinen. Ich war fassungslos, dass er Schwan einfach so starb und nicht wiederkam. Ich kann mich immer noch an die Bilder erinnern…. der blaue Hintergrund, die weißen Tutus und alles so furchtbar traurig. Als dann der Räuber Hotzenplotz kam, hatten wir eine solche Angst, dass wir uns hinter den Stühlen versteckt und gewimmert haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass außer meiner Mutter, Sibille und mir sonst noch Leute im Kino waren, denn wir haben ein ziemliches Drama veranstaltet. Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis ich wieder ins Kino gehen durfte.

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